
Februar 2026, Köln
Seit letztem Sommer bin ich an dem Rogeri Projekt für Angelus Novus, weiterer Baustein von Floß der Medusa.
Momentan kann ich zwei Monate frei an der Kopie dieses Rogerie Basses aus dem 17. Jh arbeiten. Dies ermöglicht mir das Arbeits – und Recherche Stipendium 2025 der Stadt Köln, wofür ich wirklich sehr dankbar bin – gerade jetzt, wo die Kulturelle Förderung so runtergekürzt wird. Im vergangenen Sommer konnte ich die ersten Hölzer hierfür in den Wäldern um Breendonk in Belgien und Portbou in den Pyrenäen, finden. Nun kann ich aus der 120 Jahre alten Papel den Zargenkranz und Boden und aus der 80 Jahre alten Kirsche den Halsklotz mit der oben zu sehenden Schnecke herstellen.
In den kommenden Monaten werde ich ein zweites mal nach Oradour-sur-Glane reisen um diesmal hoffentlich die Fichte für die Decke zu finden. Ich danke all der Unterstützung der Menschen auf dieser Reise der Arbeit, die mir halfen diesen Gedanken wahr werden zu lassen. Und natürlich Beni und Annegret for having me in there violin workshop in collogne.
Alles um dann den hier möglich werdenden Ton mit den Texten und Bilder am furchtbaren Moment des abgebrannten Flüchtlingslager in Moria in einem poetischen Essay als Bild unser brüchigen Freiheit zu versuchen.
Die Aufnahmen hierfür entstanden schon im November 2021 und alles dauert in dieser rasenden Welt.
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut / In der wir untergegangen sind / Gedenkt / wenn ihr von unseren Schwächen sprecht / Auch der finsteren Zeit / Der ihr entronnen seid
l’viv, ukraine, 2018
Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zu Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.
Walter Benjamin – Über den Begriff der Geschichte / IX
Wenn ich, dort oben, auf der Fotografie lache, ob all, oder gerade wegen, der Schwere des Lebens. So bin ich nun am weinen, ob der Ohnmacht vor diesem Krieg, der auf dieser, unserer Welt weilt, wütet, tötet und foltert. Syrien, der nahe Osten, die Ohnmacht um Afghanistan und nun eben die Ukraine – und ja, leider noch viele und immer mehr. Gerade noch in Moria dachte ich darüber nach, mit dem Segel des “Floß der Medusa”, in die Landschaften der Ostukraine zu reisen. Auf dem Boden der Gräuel von Babyn Jar wollte die Arbeit im kommenden Jahr eine Auseinandersetzung wagen. Damals, Genozid im September 1941 – unbegreiflich, aber schmerzhafte Wirklichkeit. Jetzt wird Kiew wieder beschoßen. Was helfen da meine Tränen, wenn Menschen so handeln können oder die Gefangenen dieser Handlungen sein müssen – So wirft uns der Sturm immer weiter Trümmer vor die Füße und diese Geschichte scheint ewig wiederholt, anstatt das wir aus ihr lernen würden. Mythos des Sisyphos, erstickte Wut und Tränen der Ohnmacht
25. Februar 2022
Und Nun finde ich überhaupt keine Worte mehr, keinen Ansatz um dieses Grauen, seine Auswüchse – und ja, in keinem Fall die selbstgerechte Auseinandersetzung darüber, verstehen oder auch nur im Ansatz akzeptieren zu können.
Jeder der Mensch ist, kann dies nur sein wenn er andere Menschen lieben darf. Das Unfassbare Glück hat von Ihnen geliebt zu werden. Wie kann ein Mensch das vergessen beim Töten, ja hinrichten eines Ihm darin unbedingt verwandten Wesens und liebenden Ichs. Und wie kann man, nach solchen Taten, wirklich einen Erklärungs- Rechtfertigungsansatz nur zu formulieren wagen ? Und wieso sind all die kritischen Stimmen, plötzlich beim exekutiv Tot so vieler Menschen, Hinrichten Alter und Vergewaltigen junger Frauen, frenetischen Kindesmorden einfach still, oder schlimmer noch akzeptierend nickend. Das ist in erster Linie das widerliche, kaum Vorstellbare Gesicht des animalischen Menschentum. Das ist der überall schlummernde Antisemitismus, Fanatismus und Rassismus, das ist der Hass aus fehlgeleiteter Religion, Angst und Hetze. Und diese sinnlose Schlachten hat nun eine Ultra nationalistischen Regierung in all ihrem Denken Bestätigt und die Legitimation zu einem weiteren furchtbaren, Menschenleben vernichtenden, sinnlosen Krieg geliefert. Womit wir dann die nächste Generation des Hasses sicher stellen. Das ist nicht die Welt in der ich leben möchte. Das ist aber die Welt von der ich gezwungener Teil sein muss. Von dieser Welt Träume ich nicht – in der wir immer und überall Taten gegen das Andere begehen, hassen und darin die Liebe, die uns alle ausmacht und trägt, in Wahn und Terror mit Dogmen digitieren und bespucken.
Was Sie uns antuen, haben Wir Ihnen angetan – und was Sie uns antaten werden wir Ihnen antuen. Spirale der Gewalt, ewiger Dummheit, Vernichtung und Trauer. So viele Worte und doch finde ich kaum eine Stimme.
28. November 2023
linger on – Essaybearbeitung meines tausend Bilder starken Fotozyklus 2020
